Biografie

Name: Holger Röthig

Geburtsdatum: 15.02.1970

Größe/Gewicht: 1,93 m/90 kg

Wohnort: Essen

Ausbildung: Diplom Sportlehrer/DSHS Köln

Beruf: Geschäftsführer der Eventagentur Kultum GmbH, Essen

Verein: RSC Essen-Kettwig

Warum RAAM?

Wenn mir vor vier Jahren jemand gesagt hätte, dass ich im Jahr 2010 4.800 km quer durch die USA fahre und das in maximal 12 Tagen, ich hätte ihn wohl ausgelacht. Sicherlich war ich von klein auf sportbegeistert, ich hatte extra die Schule gewechselt, um im Sport Leistungskurs mein Abitur machen zu können. Später habe ich an der Deutschen Sporthochschule in Köln meinen Abschluss als Diplomsportlehrer erlangt, aber 2006 hatte ich eher berufliche als sportliche Ziele.

Hinzu kam, dass ich für die Fußball-WM Team-Support-Tickets bis ins Finale in Berlin hatte, da blieb nicht viel Zeit für sportliche Aktivitäten. Bei einer Ausfahrt mit meinen Freunden im Spätsommer musste ich dann feststellen, dass ich nur noch deren Hinterräder sehen konnte. Das musste ich ändern.

In 2006 blieb nicht mehr viel Zeit für Verbesserungen, und so suchte ich mir ein Ziel für das nächste Jahr: Trondheim-Oslo, ein 540 km Rennen um die Mitsommernacht durch Norwegen.

Ich konnte mir zwar noch nicht vorstellen, wie ich 540 km am Stück auf dem Sattel sitzen sollte, aber andere Radfahrer hatten das auch schon geschafft. Bei der Planung meines Trainings stolperte ich über Paris-Brest-Paris. Das ist die Mutter aller Langstreckenrennen, mit einer Länge von 1.200 km (findet alle 4 Jahre im August statt). Um dort zu starten, muss man im selben Jahr eine sogenannte Serie mit Brevets (Prüfungen) über 200, 300, 400 und 600 km vorweisen. Das klang nach einer optimalen Vorbereitung für Trondheim-Oslo und wenn ich die Serie schaffen sollte, war ein Start in Paris auch geplant. Und so bin ich im Jahr 2007 erst erfolgreich in Oslo und später auch in Paris angekommen.

Bei vielen ist es so, dass sie nach 1200 km sagen: „Nie wieder!“ Ich litt zwar 80 km vor Paris unter zwei Achillessehnen, die kurz vor dem Zerreißen waren und meine Knöchel auf doppelten Umfang hatten anschwellen lassen, aber mir war klar, 2011 würde ich wieder starten.

Vom Bazillus der Ultramarathons befallen, suchte ich mir 2 wirklich tolle 1.200 km Rennenfür 2008 aus. Einmal Sofia-Varna-Sofia in Bulgarien und Rocky Mountains 1200 in Canada. Bei beiden Veranstaltungen sollte ich Freunde für das Leben kennenlernen.

Für dieses Jahr hatte ich mir die Qualifikation für RAAM vorgenommen. Das heißt, dass ich nach  weniger als 65 Stunden die Strecke von 1.200 km bewältigt haben musste. Im Juni war das Rennen in Bulgarien. Zur Vorbereitung für ich dort im April die Brevet-Serie in nur 9 Tagen gefahren und hatte so schon Land und Leute kennenlernen dürfen. Beim Rennen kam es schnell zu einem Zweikampf zwischen einem Bulgaren und mir. Erstaunlicherweise drückten die ganzen bulgarischen Organisatoren nicht ihrem Landsmann die Daumen, sondern wünschten mir den Sieg. Überrascht darüber folgte ich natürlich gehorsam diesem Wunsch. So erreichte ich bei meinem 2. Super-Brevet gleich den 1. Platz, schaffte aber die als Ziel gesetzte Zeit nicht. Trotzdem fuhr ich glücklich und mit neuen Freunden nach Hause. Insbesondere der Organisator Lazar Vladislavov und seine Frau Irina durfte ich von nun an als Gleichgesinnte  ansehen. Ich bin froh und stolz, dass Lazar mein Team beim RAAM bereichern wird, er ist ein Mastermind der Planung und Taktik.

Um mein Ziel zu erreichen, musste ich in Canada alles auf eine Karte setzen. Im Juli startete das Rennen quer durch die Rocky Mountains von British Columbia. Ich hatte mich für die schnellere Startgruppe eingetragen und traf dort auf sehr ambitionierte Radfahrer. Trotz des zügigen Tempos, war es atemberaubend durch diese unglaublich schöne Natur fahren zu dürfen. Dass der ein oder andere Bär unseren Weg kreuzte, störte mich irgendwann nicht mehr. Als am 2. Tag die Sonne in einer Höhe von 2.200 m bei 0 °C aufging, hatte ich mit Ian Fillinger einen Weggefährten gefunden, der bis zum Ziel an meiner Seite blieb. Wir hatten zeitlich dasselbe Ziel und  konnten die angepeilte Zeit mit 58:42 h deutlich unterbieten. Das reichte für einen gemeinsamen 6. Platz und die Qualifikation für RAAM. Beim RAAM 2010 sind Ian und ich gleichzeitig Freunde und Gegner, eine schöne Herausforderung.

Als die Planung für 2009 anstand, war klar, dass ich 2010 am RAAM teilnehmen wollte. Da ich aber erst seit 2 Jahren diesen Sport betrieb – das Talent zweifelsfrei vorhanden war – fehlte mir jetzt nur noch die Erfahrung. Ultra Marathon Cycling ist eine Sportart mit vielen Tücken. Entscheidend sind Fitness, optimales Material, ausgewogene Ernährung, ausgefeilte Schlaf- bzw. Erholungsstrategie, Taktik, mentale und  körperliche Leidensfähigkeit, wenn es erlaubt ist, ein Team, das einem jeden Wunsch von den Lippen abließt und natürlich Erfahrung. Jede Situation, die man schon mal durchlitten hat, ist beim zweiten Mal nur halb so schlimm. Deshalb entschloss ich mich soviele Rennkilometer in diesem Jahr zu absolvieren, wie es nur möglich war. Es waren am Ende fast 10.000 km, die mich durch einige Höhen und Tiefen trieben. Ein 3. Platz im Mai in Wien beim 12-Stunden Rennen eröffnete die Saison 2009. Danach ging es bei der Ultra Radmarathon Weltmeisterschaft zweimal hintereinander über die Glockner Hochalpenstraße und schließlich auf den 10. Platz. Sofia-Varna-Sofia im Juni wollte ich eigentlich wieder gewinnen, aber als mir nach 50 Stunden ohne Schlaf beim 11. Reifenschaden sowohl Schläuche als auch Flicken ausgegangen waren, zählte für mich nur noch das Ankommen. Das gelang mit Rang 8. Es folgten 1.400 km von London nach Edinburgh und zurück und 1.250 km durch Bayern, bevor mich die Härte dieses Sports erwischte. Madrid-Gijon-Madrid startete in die Dämmerung. Nach 250 km wurde es gerade hell und für mich war das Rennen bereits zu Ende, das rechte Knie wollte nicht mehr und so hatte ich Spanien leider nur im Dunkeln gesehen. Jetzt blieb noch das Race around Ireland im September. Ausgetragen nach den Regeln für das RAAM sollte es ein ultimativer Test sein, ob ich und mein Team überhaupt RAAM-tauglich sind.

Mit Superlight-Bikeparts aus Essen hatte ich einen Partner gefunden, der mir für diese Veranstaltung ein Fahrrad bereitstellte, das beim Start in Irland alle Teilnehmer und mich selbst begeisterte. Von dieser Euphorie und von meinem über alle Maßen aufopferungsvollem Team getragen, erreichte ich auf dieser wahnsinnig harten Strecke (der Weltranglisten Erste ist verzweifelt ausgeschieden) einen sensationellen  3. Platz.

Als Belohnung für die Strapazen belegte ich am Jahresende den sensationellen 9. Platz in der Weltrangliste der UMCA (Ultra Marathon Cycling  Association)

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